In Zeiten unsicherer Wirtschaftslage angesichts steigender Benzinpreise und Bankenkrisen ist es mal angesagt, eine der Stützen unserer Volkswirtschaft nicht nur unter die Lupe zu nehmen, nein, sondern auch gleichsam eine Hommage zu verfassen. Die Rede ist von den guten, alten Kassenangestellten.

Wer kennt sie nicht, diese in der Grundeinstellung ab Werk stets freundlichen, zuvorkommenden, kompetenten und immer todschick gekleideten Mitarbeiter im Supermarkt, in der Drogerie, im Baumarkt oder sonst wo. Natürlich muss dem geneigten und daher skeptischen Leser zugestanden werden, dass es diese Gruppe nicht leicht hat. Da arbeiten sie direkt in unserer schönen Konsumwelt, können sich aber immer weniger leisten, da sie vom Arbeitgeber finanziell an der kurzen Leine gehalten werden. Manchmal müssen sie auf Abruf ran oder haben Arbeitszeiten, wie am Samstagabend bis nach acht oder am Heilig Abend. Dazu kommen dann noch Kunden aller Art, Rentner mit Riesengeldbörsen, Penner mit großem Durst und dem unwiderstehlichen Bedürfnis nach Tic Tacs und Duschgel, fünf Anzugträger mit dicker Hose und nur 100-Euro-Scheinen in der Geldklammer hintereinander, klauende Jugendliche (wie sonst sollen sie bei den strikten Verboten an Alkohol und Zigaretten kommen?) oder Leute wie ich, die noch einen Blog darüber schreiben müssen.

Um mit diesem Schicksal fertig zu werden, haben diese Kittelträger offenbar unterschiedliche Methoden entwickelt. Spaß am Arbeitsplatz oder eine gewisse Abgestumpftheit scheinen die maßgeblichen Hilfsmittel zur Überwindung des leeren Alltags zu sein. Neulich traf ich auf ein sehr unterhaltsames Exemplar, das im örtlichen Real-Markt an einer der vielen Kassen saß. Ich stand mit meiner Lieblingsgefährtin an, hievte gerade noch die letzten Artikel auf Band und legte demonstrativ den sog. "Warentrenner" hinter die Artikel. Da vernahm ich eine unsichere Stimme aus dem Lautsprecher des Supermarkts, die eine zunächst üblich klingende Durchsage vornahm. Was ich aber hörte, hatte für mich einen hohen Unterhaltungswert:

"81, bitte ..äh...mit der Maschine zu...zu den Eiern!"

Was damit genau gemeint ist, will ich gar nicht wissen und tut ja auch nix zur Sache. Jedenfalls musste ich heftig lachen und den Satz laut prustend wiederholen. Fand zwar erstmal keiner außer mir lustig, aber was soll's. Nur der Kassierer hatte gute Ohren, fand es auch zum Schmunzeln und nickte mir wohlwollend zu. Er fing gleich quer über die Kasse mit Kommentaren und Geschichten an, sehr zur Verwunderung der - wie üblich - stillen Kundenschlange an der Kasse. Er meinte, wenn jemand "zur 17 müsse", dann muss er mal schnell aufs Klo. Bei jedem Artikel machte er einen auf Stiftung Warentest und versuchte anhand der Artikelzusammenstellung auf unsere Vorlieben und die Wochenendplanung zu schließen, was die nachfolgenden Kunden sehr zu interessieren schien. Das Abkassieren dauerte ewig, aber besser so als diese grantige Kassierer, die erst gar nichts sagen und dann einem gleich 20 Liegestütze aufbrummen, nur weil man mal wieder nicht die Äpfel gewogen hat.

Ich war nur froh, dass wir nichts Peinliches eingekauft hatten, über dass er lautstark philosophieren konnte. Anders erging es mir im Schlecker meines Vertrauens, gleich in der Nähe meines Büros, wo mittags eigentlich nur Leute im Anzug Rasierwasser oder verirrte Senioren eine Doppel-CD von Roger Whittaker zum Preis von 2,99 € kaufen. Es war in dem Laden, der üblicherweise von einer Frau ganz alleine geschmissen werden muss, mal wieder recht viel los und alles reihte sich ein für eine Kasse, an der eine junge Dame saß, die irgendwie anatolische Vorfahren haben muss. Nach einiger Zeit geduldigen Wartens kam ich endlich an die Reihe und meine überteuerten Produkte für Bad, WC und Küche piepten ihren fröhlichen Scan-Ton. Die Kassiererin kam angesichts der geringen Ablagefläche auf dem kleinen Kassenband erstaunlich schnell zu einem Endpreis, den ich sogleich begleichen wollte. Da fiel ihr Blick auf eine Ware, die sie unter den Haushaltsrollen sah und von dem sie vermutete, dass sie es noch nicht eingebongt hatte. Ziemlich abrupt schnellte der Artikel an ihrer Hand in die Höhe über die Kasse, damit ein Jeder einen guten Blick darauf hatte: es war eine Packung Kondome.

"Gehören die Ihnen?"

Das einzige Positive, was mir dabei einfiel, war, dass man im Schlecker - im Gegensatz zu IKEA - wenigstens ordentlich gesiezt wird. Ich finde den Kauf jetzt ja weniger spektakulär und peinlich, aber die Herren und die ältere Dame hinter mir starrten mich an wie in diesem uralten Spot der AIDS-Kampagne von 1989 mit Hella von Sinnen an der Kasse und Ingolf Lück als Kunde mit Harry-Potter-Brille, Stirnband und eben solchen Präservativen unter dem Gemüse versteckt und dem berühmte Ruf nach "Tina!" hinten im Laden (für den etwas jüngeren Leser: zu sehen unter Youtube; für die Älteren: Fragt die Jüngeren, was "Youtube" ist). Jedenfalls musste die Kassiererin dann ewig überprüfen, ob sie die Dinger schon eingebongt hatte oder nicht. Da soll noch einer sagen, man würde bei den Teilen nichts fühlen, ich jedenfalls fühlte mich doch etwas unwohl. Nette Kassierer wünschen zum Abschied beim Kauf solcher Utensilien wenigstens ein fröhliches "Viel Spaß!" und zwinkern neckisch dazu.

Weniger motiviert zeigen sich hingegen die Kassenangestellten des überall aus dem Boden sprießenden Kauflands. Diese armen Menschen sind gezwungen, jeden Kunden robotermäßig und sinngemäß zu fragen: "Waren Sie mit dem Einkauf zufrieden?" Ich machte mir neulich mal die Mühe und habe der etwas müde dreinblickenden Dame ein ausführliches Feedback über Optimierungsmöglichkeiten bei der Warenpositionierung, über Synergieeffekte bei der Kassiererein- und verteilung sowie darüber gegeben, dass mein blöder Einkaufswagen schon wieder so nach links zieht. Sie schaute kein einziges Mal zu mir auf und alles, was sie mir nach meinem kleinen Vortrag sagen konnte, war: "Das macht dann 35,68 €.". Wahrscheinlich war sie einfach nur beeindruckt von meiner Kritik und wollte meine Worte gleich im Anschluss als dringend gekennzeichnet an die Geschäftsführung schicken. Auf ein Dankesschreiben des Konzerns - vielleicht mit einem kleinen Einkaufsgutschein? - warte ich heute noch vergebens.

Es wird die Zeit kommen, da wir nur noch mit dem schwebenden Luftkisseneinkaufswagen durch den Markt gleiten, Roboter an der Wursttheke beim Wiegen des Bierschinkens automatisiert den Finger auf die Waage legen und am Ende des Einkaufs ein automatischer Scan der Waren sowie eine elektronische Bezahlung alle Kassenangestellten überflüssig machen. Bis zu diesem glorreichen Tag werden wir an der Kasse aber weiterhin gefragt "Gehört das noch zu Ihnen?" und ich werde immer wieder aufs Neue dahin schmelzen, wenn mich Frau Crzylinsky im Tengelmann um die Ecke im feinsten polnischen Akzent fragt: "Sammeln Sie Herzen?"...